Das Haus der Peitschen

Das Haus der Peitschen

Bevor ich Das Haus der Peitschen sah, kannte ich von Pete Walker nur Das Haus der langen Schatten, einen netten altmodischen Horrorfilm, dessen Vergnügen vor allem darin besteht die Horror Ikonen Peter Cushing, Christopher Lee, Vincent Price, John Carradine und Sheila Keith gemeinsam in einem Film zu erleben. Vor ein paar Monaten schaute ich mir dann die Doku Magic, Murder & Monsters: The Story of British Horror & Fantasy an und darin ging es auch um Pete Walker und seine Filme. Die gezeigten Ausschnitte aus Haus der Peitschen und Frightmare machten mich neugierig und ich setzte die Titel auf meine lange Must Watch List. Zu meiner großen Freude bringt Wicked Vision Media jetzt eine Pete Walker Collection heraus. Das erste Mediabook mit Blue Rey und DVD ist unlängst erschienen.

Ein Titel wie Haus der Peitschen lässt natürlich gleich an Exploitation Filme denken, und Pete Walker hat da einen einschlägigen Ruf. Und natürlich bedient auch Haus der Peitschen Versatzstücke des Woman in Prison Genres – junge Frauen in einer ausweglosen Situation, die für Horrorfilme in den 70ern obligatorischen Nacktszenen und ein guten Schuss Sadismus. Doch der Film ist wesentlich mehr als das. Wer hier einen typischen Schmuddelfilm aus dem Bahnhofskino erwartet wird sicherlich enttäuscht werden.

London Calling

Die 19jährige Französin Ann-Marie Di Verney (Penny Irving) versucht in London ihr Glück als Fotomodell. Auf einer Party sprechen die Gäste amüsiert über ein oben-ohne Fotoshooting im Kensington Garden, bei dem die Beteiligten von der Polizei einkassiert wurden und wegen Erregung  öffentlichen Ärgernisses zu einer Strafe von je 10 Pfund verdonnert wurden. Ann-Marie ist dieser Party Talk sichtlich unangenehm. Unter den Gästen befindet sich auch der undurchsichtige aber charmante Mark (Robert Tayman, bekannt aus Vampire Circus).

Die naive Französin erliegt seinem Charme. Ihre Mitbewohnerin Julia (Ann Michelle) misstraut ihm und so auch wir als Zuschauer. Denn schnell wird Marks sadistische Ader offenbar… und kann man jemanden trauen, der sich Mark E. Desade nennt? Dieser doch sehr sprechende Name fällt auch Ann-Marie auf, aber sie hält das für einen witzigen Zufall und denkt sich nichts Böses dabei (die Ahnungslose).

Meet the Parents

Als Mark sie zu einem Wochenendausflug einlädt um seine Eltern kennenzulernen, ist sie schon fast gerührt. Aber das Treffen mit Mama verläuft dann ganz anders als erwartet…

Mrs. Margret Wakehurst (Barbara Markham) leitet ihr eigenes kleines ganz privates Gefängnis. (Der Name Margret und die Darstellung von Barbare Markham lässt heutige Zuschauer wahrscheinlich schnell an Margret Thatcher denken, wobei der Film einige Jahre vor der großen Zeit der eisernen Lady entstand.) Ann-Marie wird wegen Unmoral zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Pete Walker beweist viel schwarzen Humor. Justitia ist ja bekanntlich blind, so auch der senile Richter Bailey (Patrick Barr), der als blinde Marionette seiner Frau auch schon mal meint, Entlassungspapiere zu unterschreiben, aber in Wirklichkeit ein Todesurteil unterzeichnet. Unterstützt wird Mrs. Wakehorst durch die beiden Gefängnisaufseherinnen Madam Bates (Dorothy Gordon) und Madam Walker (Sheila Keith).

Drei Strikes und du bist raus.

Das Gefängnis hat seine eigenen grausamen Regeln. Auch die kleinste Verfehlung wird rigide bestraft. Beim ersten Vergehen gegen die Ordnung gibt es zwei Wochen Einzelhaft, beim zweiten Mal wird die Gefangene ausgepeitscht und beim dritten Vergehen folgt die Todesstrafe.

Pete Walker macht sich mit bösem Humor über die verlogenen Moralapostel lustig und sein Film ist ein kräftiger Tritt in die Eier der konservativen moralischen Mehrheit.

Der Film wurde mit einem recht kleinen Budget realisiert, da musste es meist sehr schnell gehen. Was lässt sich in einer einzigen Einstellung realisieren, um Zeit zu sparen, denn Zeit ist ja bekanntlich Geld. Um so erstaunlicher ist, wie durchkomponiert viele Einstellungen des Films wirken. An dieser Stelle kann ich nicht weiter in die Tiefe gehen, ohne zu spoilern, aber achtet mal auf eine ganz bestimmte Einrahmung von Mrs. Wakehurst und was diese symbolisch vorwegnimmt.

Auch die farbliche Gestaltung ist superb. In den Szenen aus dem Leben von Ann-Marie und Julia tauchen immer wieder satte Farben auf, lebensbejahend rot gestrichene Wände, ein rotes Telefon usw. Die Bilder im Gefängnistrakt sind alle bräunlich, düster, dreckig ohne jegliche Primärfarben und ständig präsent ist der deprimierende Charme nackter Glühbirnen.

Die Charaktere sind bei aller Satire jedoch nicht überzeichnet. Im Gedächtnis verbleiben hier Barbara Markham und vor allem Sheila Keith. Wenn sie die Wunden ihres ausgepeitschten Opfers betrachtet, bleibt es ambivalent. Man kann aus ihrem Spiel Mitgefühl oder auch Begehren und eine unterdrückte lesbische Sexualität herauslesen. Es ist gerade diese Ambivalenz, die die Figuren in Haus der Peitschen auszeichnet. Und Sheila Keith ist einfach großartig. Was muss es für eine Charakterdarstellerin wie sie, in deren Alter die Filmbranche nur nette Großmütter und bestenfalls noch kauzige Tanten als Rollen bereithält, eine Freude gewesen sein, in diese dunklen fleischigen Figuren abzutauchen.

Sie sollte mit Frightmare, dem nächsten Film von Pete Walker und seinem Autor David McGillivray zur Horrorikone werden. Als Walker und McGillivray den Film schrieben, wussten sie bereits, für die Rolle der Kannibalin Dorothy Yates konnte es nur eine geben – Sheila Keith. (Frightmare wird demnächst in der Pete Walker Collection erscheinen.)

A Labor of Love

Ich habe mittlerweile einige Veröffentlichungen aus dem Hause Wicked Vision in meiner Sammlung. Was sie alle und auch Das Haus der Peitschen auszeichnet, ist neben guter Bild- und Tonqualität die reichhaltige Ausstattung mit Bonusmaterial, Neben den obligatorischen Trailern finden sich im Mediabook gleich drei Feature – die Dokumentation: “Courting Controvery – Die Filme des Pete Walker“, Featurette: “Sheila Keith – Eine nette alte Frau?”, Featurette: “James Oliver über ‚Das Haus der Peitschen‘

Dann ein interessanter Audiokommentar mit Regisseur Pete Walker und Biograf Prof. Steven Chibnall, Ferner der deutscher VHS Vor- und Abspann, Bildergalerien,Werbematerial der deutscher Trailer, der Originaltrailer und ein 24-seitiges Booklet von David Renske zum Film und dem Woman in Prison Subgenre.

Zur Auswahl stehen gleich drei unterschiedliche Cover.

Das Alles ist einfach mit so viel Liebe gemacht, dass ich als Horrorfan vor lauter Dankbarkeit nur meinen Hut ziehen und laut applaudieren kann. Es ist einfach toll, wenn die Geschichte des Horrorfilms so großartig aufgearbeitet wird und sich ein Label wie Wicked Vision auch den vermeintlich alten Schinken jenseits des Hollywood Mainstream Kinos widmet. Gerne mehr davon!

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