Dark Circus

Dark Circus

Der Film Dark Circus gehörte zu den Favoriten der Jury des Dead End Awards und das nicht ohne Grund. Die erste Einstellung in Schwarz Weiß – Die Großaufnahme eines Hinterkopfes. Langsam dreht sich der Kopf und wendet sich uns zu. Wir sehen eine junge Frau. Ihr Gesicht bleibt größtenteils hinter einer Maske verborgen. Nur ein Viertel ihres Gesichts ist unmaskiert. Sie schaut uns an. Mehrfachbelichtungen lassen ihr Gesicht schwimmen. Die Musik noch indifferent, aber leicht bedrohlich. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was das bedeutet, aber die geheimnisvolle Frau hat mich neugierig gemacht und zieht mich in ihren Bann. Und ja, noch vor der Einblendung des Filmtitels, hänge ich bereits am Haken.

Weiter geht es mit einer Alltagsszene, jetzt in Farbe. Johanna die Protagonisten des Films erwacht, verrichtet ihre morgendlichen Routinen und macht sich auf den Weg zu ihrer Arbeit. In einem schlechteren Film wäre das eine recht banale Szene geworden, aber Dark Circus gelingt hier eine gerade in ihrer Unaufdringlichkeit grandiose Exposition voller wichtiger Verweise und Kommunikationsangebote an den Zuschauer.

Independent Filme jonglieren meist mit einem zu schmalen Budget was oft zu diversen Unzulänglichkeiten führt, wo wir als Zuschauer zwar gute Ideen entdecken, deren Ausführung dann aber zu wünschen übrig lässt. Derartige Mängel wird man in Julia Ostertags Film vergeblich suchen, bereits die erste Szene ist wohldurchdacht und strotzt gerade so von erzählerischen Reichtum und einer perfekten Ausstattung. Wir sehen die Unordnung in Johannas Zimmer, ein möglicher Verweis auf ihr inneres Unaufgeräumtsein und emotionales Chaos. Vieles im Zimmer wie Pferdebilder und ein großes Katzenposter verweisen auf eine noch nicht lang vergangene Kindheit. Eine etwas verunstaltete leicht punkige Barbie Puppe kündet dann aber von jugendlicher Rebellion, denn Barbie ist das Sinnbild der perfekte Oberfläche ist das Heilsversprechen der Konsumgesellschaft. Eine Rasierklinge auf dem Rand der Badewanne wird sofort zu einem sprechenden Hinweis, eine Annahme, die wenig später bestätigt wird. Der Blick in den Spiegel. Plötzlich in Schwarz-Weiß das Gesicht eines Mannes, montiert als befände er sich hinter dem Spiegel. Ein Tagtraum? Eine Erinnerung?

Johanna kommt zu spät zur Arbeit, wahrscheinlich nicht zum ersten Mal, denn sie verliert an diesem Morgen ihren Job. Auf dem Heimweg durch die triste graue Stadt erregen Graffitis eines archaischen Symbols ihre Aufmerksamkeit.

Angela Maria Romacker als Johanna

In der Badewanne ritzt sich Johanna, vielleicht weil der Schmerz das einzig authentische Gefühl ist. Ihr Blick wendet sich nach innen. Schwarz-weiße Bilder eines lange verlassenen Gebäudes. Eine Mistress mit archaischem Kopfputz setzt sich an einen Flügel und beginnt zu spielen. In ihrer Begleitung ein Sklave, der eine Tierrolle einnimmt eine dritte Gestalt mit Vogelmaske schenkt Wein ein.
Johanna zeichnet das Symbol vom Heimweg. Später trifft sie sich in einer Kneipe mit zwei Freundinnen. Dort hat Johanna Halluzinationen von der Maskenfrau aus der Titelsequenz und bricht auf der Toilette zusammen. Als sie wieder zu sich kommt, ist da ein scheinbar aus der Zeit gefallener Dandy mit Hut und Gehstock. Johanna folgt ihm. Und wie Alice steigt sie mit ihm hinab in den Kaninchenbau in ein Gothic-Wonderland…

Diese Parallelwelt setzt sich aus einer Vielzahl von Elementen zusammen. Neben Alice im Wunderland wird Edgar Allen Poes Gedicht A Dream within a Dream zitiert, es gibt Verweise auf Charles Baudelaire und auch eine Prise Wicker Man meine ich hier und da zu schmecken. Die Kostüme oszillieren zwischen Fetischmode, Gothic Style, venezianischem Karneval und etwas Steampunk. Das Geschehen pendelt zwischen hedonistischem Rausch, SM Spielen, Performance und archaisch anmutenden Ritualen. Nicht aus allem lässt sich auch gleich eine Bedeutung herauslesen, aber gerade diese Ambiguität macht einen großen Reiz des Filmes aus. Die Inszenierung und eine hervorragende Kameraarbeit, großartige Ausstattung und Kostüme sowie ein sehr stimmiger Soundtrack machen es leicht, sich dem Film hinzugeben.

Namjira As-Sefid als Mistress

Zugegeben mancher Monolog oder Ausspruch klingt etwas prätentiös und zuweilen rebelliert der Rationalist in mir gegen das dargebotene Esoterik Konglomerat aus Ritual und Tarotkarten. Aber letztlich kann ich mich dem Film auch nicht entziehen, all dem Geheimnisvollen und Traumhaften und einer Zeit die nicht linear zu vergehen scheint. Neben der technisch brillanten Umsetzung ist es gerade die Uneindeutigkeit vieler Elemente, die dazu einladen weiter zu denken und sich an dem Film abzuarbeiten. Und sein wir doch mal ehrlich, die Saturnalien machen einfach mehr Spaß als das mea culpa, mea maxima culpa christlicher Lustfeindlichkeit.

Dark Circus ist vor allem auch ein origineller Film. In einem alten Text von Heinz Rudolf Kunze heißt es „Fast haben wir erreicht, dass alles so aussieht wie alles.“ Ein Satz der sich heute leider allzu oft auf unsere Filmlandschaft anwenden lässt. Hier hebt sich Dark Circus wohltuend ab und bietet etwas sehr Eigenes, bleibt aber als Coming of Age Geschichte und der damit einhergehenden Transformation greifbar und ist bestes Kopfkino, am Ende sogar ganz wörtlich verstanden.

Die Dark Circus DVD wird Anfang 2019 bei Midori Impulse / Sub Transgression erscheinen.

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