After Midnight

After Midnight

Ich liebe das italienische Kino. Müsste ich eine Liste meiner hundert Lieblingsfilme zusammenstellen, wären nicht wenige aus Italien. Von Riso amaro über La dolce Vita bis Blow Up und jenseits von Neorealismus und dem, was wir heute Arthouse Kino nennen, wären jede Menge Genre Produktionen dabei. Die Sandalenfilme meiner Kindheit, Western von Sergio Leone und natürlich und vor allem Horror. Italien Gothic, Gialli, Mario Bava, Dario Argento, Sergio Martino und ein bisschen Gore von Lucio Fulci.

Ende der 70er Jahre geriet das Kino Italiens in die Krise. Zwar gab es noch einige nennenswerte Filme in den 80ern aber im großen und Ganzen ging es abwärts mit dem Genrekino made in Italy.

Der letzte nennenswerte Film, der mir einfällt, war Michele Soavis Dellamorte Dellamore von 1994.

Eine Anthologie mit acht Independent Kurzfilmen im Horrorgenre lässt mich da natürlich aufhorchen. Die Sammlung nennt sich „After Midnight“ und wird uns vom Label Dirt ´n Dust Films präsentiert.

Wie heißt es doch so schön, wir sind Zwerge, die auf den Schultern von Riesen stehen. Das gilt auch für die Filmgeschichte. Da ist es allemal spannend, nach den Riesen unter den Independent Zwergen zu suchen. Werden wir dabei auf die alten Genre-Meister stoßen? Auf eine huldvolle Hommage oder auf billige Imitate? So viel sei verraten, das Ergebnis vermag durchaus zu überraschen und auch zu überzeugen.

Los geht es mit „Vlog: L’ultimo video di Sara“ von Daniele Misischa, einem Webcam Film über die Ermordung einer Videobloggerin. Der Anfang wirkt hier sehr glaubhaft und authentisch. Ein bisschen schade, finde ich, dass der Found Footage Stil nicht ganz konsequent durchgezogen wird. Videoblogger, YouTube, Influencer, Likes, das alles gab es zu den Zeiten alter Giallo-Herrlichkeit natürlich noch nicht, aber auch wenn sich viel verändert hat, die Psychpathen sind immer noch da, auch wenn sie früher eleganter waren.

„Taste of Survival“ von Davide Pesca schlägt dann eine Brücke zu den Exploitation Filmen der 70er und 80er Jahre und mischt dabei Endzeitstimmung mit Gore und einem anderen kleinen in Italien beheimatetem Subgenre. Der Film bietet keine komplexe Story und ist eher szenische Miniatur, lässt sich aber schön als direke Exploitation Hommage lesen.

Mit dem dritten Film „Nyctophobie“ von Francesco Longo & Paolo Mercadante nimmt die Sammlung dann endgültig Fahrt auf. Der sehr atmosphärische Film ist schwer einzuordnen und bietet eine ganze Reihe von Referenzen an. Die Rückblenden erinnern tatsächlich an ähnliche Szenen aus den Gialli, wo in den Rückblenden langsam das Geheimnis oder das Trauma eines gestörten Killers zu Tage tritt. Aber der Film schlägt einen noch weitaus größeren Bogen der von Benjamin Christensens Hexan bis zur White Trash Ästhetik eines Rob Zombies reicht.

Ein Trauma behandelt auch der Film „Nel Buio“ von Davide Cancila. Der Film punktet vor allem durch seine hervorragende Besetzung. Die Inszenierung ist stimmungsvoll, kommt aber nicht ohne die zuletzt etwas in Ungnade gefallenen Jump-Scares aus.

„Io noin credo“ von Luca Bertossi verweist sehr eindeutig auf James Wan Filme wie The Conjuring und Insidious, letzterer wird in einer Einstellung direkt zitiert. Auch trotz der offensichtlichen Quellen, lässt der Film keine Langeweile aufkommen.

Der stylischste Film der Sammlung und für mich der Film mit der besten Kameraarbeit ist „Escape from Madness“ von Nicola Pegg. Natürlich muss man beim Auftauchen einer Kettensäge natürlich an TCM denken, aber noch mehr Gemeinsamkeiten hat der Film mit den französischen Terrorfilmen der 2000er Jahre. Ein Film der Adrenalin freisetzt.

Bis hierhin war After Midnight wirklich sehr rund, doch die Episode „Che Serata di merda!“ fällt dann etwas aus dem Rahmen. Zwar erinnert man sich an Lucio Fulcis Zombies, aber das Durchbrechen der Illusion – Wir sind nur in einem Film – will nicht so recht aufgehen, auch was die Schauspielerei betrifft, ist dies leider eine eher schwache Episode. Das schöne an Portmento-Filmen ist aber, dass, sollte uns einmal eine Episode nicht gefallen, die nächste schon in nur ein paar Minuten startet.

Und das ist „Haselwurm“ von Eugenio Villani. Wenn wir hier nach unten schauen, um zu sehen auf welchen Schultern wir da stehen, werden wir sicherlich das Albtraumkino eines David Lynch aber auch den Bodyhorror eines David Cronenberg entdecken. Wieder ist es eine Geschichte, die zu überzeugen versteht und aus dem schmalen Budget das Optimum herausholt.

Wie wir sehen, sind die Wurzeln der Filme nicht nur im italienischen Kino zu finden. Sie umspannen einen weit größeren Teil der Horror-Geschichte. Was haben sie aber nun gemeinsam mit den Filmen der Meister aus der glorreichen Zeit des italienischen Genrekinos? Vor allen Dingen eins – sehr viel Atmosphäre! Wir dürfen gespannt sein, von wem wir da in Zukunft hoffentlich noch mehr zu sehen bekommen. Die Feuerprobe ist jedenfalls bestanden.